Warum eine gute Literaturrecherche entscheidend ist
Jede wissenschaftliche Arbeit baut auf dem Wissen auf, das bereits vorhanden ist. Bevor du also selbst neue Erkenntnisse entwickelst, musst du dich intensiv mit dem bestehenden Forschungsstand auseinandersetzen – und genau hier setzt die Literaturrecherche an.
Sie ist das Fundament deiner Bachelorarbeit. Ohne sie fehlt deiner Arbeit die nötige wissenschaftliche Stabilität – so, als würdest du ein Haus ohne tragende Mauern bauen. Doch warum ist dieser Schritt so entscheidend für deinen Studienerfolg?
Was du mit einer fundierten Recherche erreichst
Eine gründliche Literaturrecherche für deine Bachelorarbeit ist weit mehr als nur Pflichtübung. Sie hilft dir, bestehende Arbeiten zu deinem Thema zu entdecken und dich mit dem aktuellen Forschungsstand vertraut zu machen. Darüber hinaus ermöglicht sie dir:
- Forschungslücken zu identifizieren, die du mit deiner Arbeit füllen kannst
- Deine Argumente auf ein solides wissenschaftliches Fundament zu stellen
- Deine eigenen Ergebnisse im Kontext des wissenschaftlichen Diskurses einzuordnen
- Neue und eigene Lösungsansätze zu erarbeiten, basierend auf umfassender Kenntnis des Themas
Erst durch die systematische Auseinandersetzung mit vorhandener Literatur kannst du erkennen, wo dein Beitrag zur Wissenschaft liegen könnte. Im Grunde genommen baut jede wissenschaftliche Arbeit auf bereits vorhandenem Wissen auf – und genau dazu brauchst du eine fundierte Recherche.
Unterschied zwischen systematischer und unsystematischer Recherche
Bei der unsystematischen Literaturrecherche (auch Schneeballsystem genannt) gehst du von einer oder wenigen Quellen aus und arbeitest dich über deren Literaturverzeichnisse weiter vor. Diese Methode eignet sich besonders gut, wenn du noch keine spezifische Forschungsfrage festgelegt hast und dir zunächst einen allgemeinen Überblick verschaffen möchtest.
Im Gegensatz dazu steht die systematische Literaturrecherche, die du in fünf strukturierten Schritten durchführen kannst:
- Suchbegriffe bestimmen
- Literatursuche durchführen
- Suchergebnisse überfliegen
- Literaturauswahl vornehmen
- Dokumentation anfertigen
Diese methodische Vorgehensweise ist ideal, wenn du bereits eine konkrete Forschungsfrage hast und gezielt nach relevanten Quellen suchst. Sie hilft dir, aus der Masse an wissenschaftlicher Literatur genau die Werke herauszufiltern, die für deine Arbeit wirklich bedeutsam sind.
Häufige Fallstricke am Anfang (z. B. Wikipedia als Quelle, unklare Fragestellung)
Auf dem Weg zur perfekten Literaturrecherche lauern einige typische Fallen. Ein klassischer Fehler ist die Verwendung von Wikipedia als Quelle. Obwohl viele Artikel dort hohen Qualitätsstandards entsprechen, sind sie für wissenschaftliche Arbeiten problematisch. Dies liegt hauptsächlich an drei Faktoren: der Anonymität der Autoren, der fehlenden systematischen Qualitätskontrolle und der ständigen Veränderbarkeit der Inhalte.
Ein weiterer Fallstrick ist eine zu breit gefasste Fragestellung. Ein Thema wie „Klimawandel“ wäre völlig überwältigend, während „Die Rolle erneuerbarer Energien im Kampf gegen den Klimawandel in Deutschland“ deutlich spezifischer ist und deiner Recherche eine klare Richtung gibt.
Andere häufige Fehler sind:
- Zu spätes Beginnen mit der Recherche, was zu Zeitdruck führt
- Sich ausschließlich auf eine einzige Quelle verlassen
- Veraltete Literatur verwenden, besonders in dynamischen Forschungsbereichen
- Planloses Recherchieren ohne systematische Vorgehensweise
Vermeide diese Fallstricke, indem du frühzeitig beginnst, verschiedene Quellen nutzt und deine Recherche strukturiert angehst. So schaffst du die beste Grundlage für eine erfolgreiche Bachelorarbeit.
Schritt 1: Forschungsfrage und Ziel der Recherche festlegen
Jede erfolgreiche Literaturrecherche für deine Bachelorarbeit beginnt mit einem klaren Ausgangspunkt – deiner Forschungsfrage. Diese bildet das Herzstück deiner gesamten Arbeit und gibt dir die nötige Orientierung für alle weiteren Schritte.
Eine gut durchdachte Forschungsfrage sollte mehrere Kriterien erfüllen. Zunächst einmal muss sie präzise formuliert und auf ein einzelnes spezifisches Thema begrenzt sein. Dies hilft dir, deine Recherche zielgerichtet zu gestalten und nicht in der Informationsflut zu versinken.
Um zu einer klaren Forschungsfrage zu gelangen, kannst du diese Schritte befolgen:
- Identifiziere einen interessanten Themenbereich und führe eine erste Literaturrecherche durch
- Grenze das Thema zeitlich, räumlich oder nach Personengruppen ein
- Überlege, welches Untersuchungsmaterial du verwenden willst
- Wähle passende Methoden und Theorien für deine Untersuchung
Wichtig dabei: Die Forschungsfrage sollte in einem einzigen Satz formuliert werden und offen gestellt sein, damit sie nicht einfach mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden kann.
Rechercheziel definieren: spezifisch oder sensitiv?
Nachdem du deine Forschungsfrage festgelegt hast, musst du entscheiden, wie umfangreich deine Literaturrecherche sein soll. Hierbei unterscheidet man zwischen dem spezifischen und dem sensitiven Rechercheprinzip.
Bei einer sensitiven Recherche ist dein Ziel, umfassend zu recherchieren und möglichst alle relevanten Quellen zu finden. Dies führt zu einer hohen Gesamtzahl an Treffern, wobei allerdings viele davon nicht relevant sein werden. Der Vorteil: Das Risiko, wichtige Quellen zu übersehen, ist gering.
Im Gegensatz dazu steht die spezifische Recherche, bei der du schnell einige wichtige Treffer finden möchtest. Hier verwendest du gezieltere Suchbegriffe und konzentrierst dich auf wenige, relevante Datenbanken. Folglich ist der Aufwand geringer, allerdings könntest du wichtige Quellen übersehen.
Beispiel für eine gute Zieldefinition
Folgendes Beispiel verdeutlicht, wie eine gelungene Zielsetzung aussehen kann:
„Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss von Netflix und Amazon Prime auf das Serienangebot deutscher Privatsender zwischen 2019 und 2020. Mittels qualitativer Inhaltsanalyse werden die Programmveränderungen bei RTL und ProSieben analysiert, um festzustellen, ob diese Sender ihre Strategien als Reaktion auf Streamingdienste angepasst haben.“
Diese Zielsetzung ist präzise, enthält das konkrete Forschungsziel, benennt die verwendete Methode und macht deutlich, welche Ergebnisse erwartet werden.
Merke: Die Zielsetzung sollte stets im Präsens formuliert werden und als Leitfaden für deine gesamte Bachelorarbeit dienen. Außerdem empfiehlt es sich, zunächst die Zielsetzung zu formulieren und daraus die konkrete Forschungsfrage abzuleiten, nicht umgekehrt.
Schritt 2: Suchbegriffe und Suchstrings entwickeln
Nach der Festlegung deiner Forschungsfrage folgt ein entscheidender Schritt für deine systematische Literaturrecherche: Die Entwicklung passender Suchbegriffe und Suchstrings. Diese bestimmen maßgeblich, welche Quellen du findest und wie effizient deine Suche verläuft.
Relevante Schlagwörter und Synonyme finden
Zunächst ist es wichtig, den Unterschied zwischen Stichwörtern und Schlagwörtern zu verstehen. Stichwörter sind Wörter, die tatsächlich im Text vorkommen, während Schlagwörter (auch Subject Terms oder Keywords genannt) den Inhalt eines Dokuments beschreiben, ohne zwingend darin enthalten zu sein.
Um relevante Begriffe zu finden, beginne mit einer Liste der Kernbegriffe aus deiner Forschungsfrage. Ergänze diese durch:
- Synonyme (verschiedene Bezeichnungen für denselben Begriff)
- Ober- und Unterbegriffe (für breitere oder spezifischere Suchen)
- Verwandte Begriffe (thematisch verbundene Konzepte)
- Unterschiedliche Schreibweisen (besonders bei englischen Begriffen)
Ein Beispiel: Bei einer Arbeit zum Thema „Einfluss von TikTok auf das Körperbild von Jugendlichen in Deutschland“ könnten deine Suchbegriffe beinhalten: TikTok, Social Media, Körperbild, Körperwahrnehmung, Jugendliche, Teenager, Deutschland.
Boolesche Operatoren richtig einsetzen
Boolesche Operatoren sind unverzichtbare Werkzeuge, um Suchbegriffe präzise zu kombinieren:
AND (UND): Verknüpft Begriffe, sodass beide im Dokument vorkommen müssen. Dies verringert die Trefferzahl und macht deine Suche spezifischer. Beispiel: Klimawandel AND Auswirkungen
OR (ODER): Findet Dokumente, die mindestens einen der verknüpften Begriffe enthalten. Dies erhöht die Trefferzahl und eignet sich besonders für Synonyme. Beispiel: Tourismus OR Fremdenverkehr
NOT (NICHT): Schließt Dokumente aus, die den nachfolgenden Begriff enthalten. Beispiel: Dementia NOT Hypertonia
Darüber hinaus existieren weitere hilfreiche Suchhilfen wie Trunkierungen mit dem Sternchen (), die beliebig viele Zeichen ersetzen. So findet „global“ auch Begriffe wie „Globalisierung“ oder „globale“.
Suchstrings mit Beispielen kombinieren
Ein Suchstring ist die vollständige Suchanfrage, die mehrere Begriffe und Operatoren verbindet. Bei komplexeren Fragestellungen empfiehlt sich die Verwendung von Suchschemata wie PICO (Patient, Intervention, Comparison, Outcome).
Beispiel für einen Suchstring zur Frage „Welchen Einfluss hat TikTok auf das Körperbild von Jugendlichen?“:
(TikTok OR „Social Media“) AND (Körperbild* OR Körperwahrnehmung) AND (Jugendlich* OR Teenager) AND Deutschland
Beachte, dass bei der einfachen Suche in vielen Datenbanken maximal vier Suchbegriffe optimal sind. Bei mehr als vier Begriffen gelten oft spezielle Regeln: Bei 5-7 Begriffen werden auch Datensätze angezeigt, in denen ein Begriff fehlt; ab 8 Begriffen müssen mindestens 80% der eingegebenen Wörter im Datensatz enthalten sein.
Denke stets daran, deine Suchstrategie an die jeweilige Datenbank anzupassen, da jede ihre eigenen Besonderheiten hat.
Schritt 3: Geeignete Datenbanken auswählen und nutzen
„Die Wahl der Datenbank sollte auf das Thema, die Disziplin und den Umfang der Forschungsfrage zugeschnitten sein.“
– Booth, A., Sutton, A. & Papaioannou, D. (2016). Systematic Approaches to a Successful Literature Review
Nach der Identifikation passender Suchbegriffe steht nun die Wahl der richtigen Quellen an: Welche Datenbanken eignen sich am besten für deine Literaturrecherche?
Wichtige wissenschaftliche Datenbanken im Überblick
Bevor du mit deiner Suche beginnst, solltest du passende Datenbanken für dein Fachgebiet auswählen. Datenbanken weisen Aufsätze, Artikel und Konferenzberichte zu bestimmten Fachgebieten nach und ermöglichen die Recherche in digitalen Volltexten.
Für deine Bachelorarbeit stehen dir folgende zentrale Datenbanken zur Verfügung:
- Google Scholar: Idealer Einstieg für die Suche nach wissenschaftlichen Dokumenten aus verschiedenen Disziplinen
- JSTOR: Umfangreiches Archiv mit 2,5 Millionen Artikeln aus über 1.400 Zeitschriften, besonders stark in Geistes- und Sozialwissenschaften
- BASE (Bielefeld Academic Search Engine): Suchmaschine für wissenschaftliche Open-Access-Quellen
- OPAC: Online-Bibliothekskataloge von Universitäten und Bibliotheken
- EZB (Elektronische Zeitschriftenbibliothek): Umfangreicher Zugang zu europaweiten und teilweise weltweiten Zeitschriften
Zudem gibt es fachspezifische Datenbanken wie PubMed (Medizin), EconLit (Wirtschaftswissenschaften) und Inspec (MINT). Erkundige dich außerdem bei deiner Betreuung nach empfohlenen Datenbanken für dein spezifisches Thema.
Tipps zur Nutzung von OPAC, Google Scholar & Co.
Google Scholar bietet neben der einfachen Suche zahlreiche praktische Funktionen: Du kannst Alerts für dein Thema einrichten, Suchergebnisse nach Erscheinungsdatum und Relevanz filtern sowie ein Literaturverzeichnis per Klick erstellen.
Ein besonders hilfreicher Tipp: Verknüpfe Google Scholar mit der Bibliothek deiner Universität. Gehe dafür in die Einstellungen und wähle „Bibliothekslinks“, um nach deiner Hochschule zu suchen. Dadurch erhältst du direkten Zugriff auf alle Quellen, für die deine Uni Lizenzen erworben hat.
Für den Zugang zu wissenschaftlichen Datenbanken von zuhause gibt es drei Möglichkeiten: die direkte Einwahl über das Hochschulnetz, einen VPN-Zugang oder spezielle Server wie Chipless- oder Essence-Server. Nutze die von deiner Hochschule bereitgestellten Zugangsdaten.
Beispielhafte Recherche in JSTOR und BASE
Bei JSTOR kannst du sowohl eine einfache als auch eine erweiterte Suche durchführen. Für komplexere Anfragen bietet JSTOR besondere Funktionen: Platziere Wörter in Anführungszeichen für exakte Phrasen („to be or not to be“) und nutze Boolesche Operatoren für alternative Begriffe (microcredit OR microfinance).
Besonders nützlich ist die Feldbegrenzung mit Abkürzungen, beispielsweise „ti:“ für die Suche im Titel (ti:“body ritual among the nacirema“). Filtere deine Ergebnisse nach Relevanz, Alter oder Neuheit und nutze die Exportfunktion für Literaturverwaltungsprogramme.
In BASE hingegen sind nur Metadaten als bibliographische Angaben indexiert, nicht die kompletten Volltexte. Neben der Standardsuche bietet BASE das „Browsing“ nach Dewey-Dezimalklassifikation, Dokumentart und Lizenzen an. Verwende für präzise Suchen Anführungszeichen bei Phrasen und Wildcards (*) für unterschiedliche Wortformen.
Beide Datenbanken erlauben die Eingrenzung deiner Suchergebnisse nach Veröffentlichungsdatum, Dokumenttyp und Zugänglichkeit, was deine Literaturrecherche erheblich effizienter gestaltet.
Schritt 4: Ergebnisse sichten, bewerten und dokumentieren
Mit einer Vielzahl von Suchergebnissen vor dir beginnt nun die wichtige Aufgabe, diese zu sichten, zu bewerten und systematisch zu dokumentieren. Dieser Schritt entscheidet maßgeblich über die Qualität deiner Bachelorarbeit.
Wie du relevante Quellen erkennst
Die Qualität deiner Literatur ist entscheidend für den Erfolg deiner Bachelorarbeit. Achte zunächst auf den Hintergrund des Autors – ist er fachlich qualifiziert und in der wissenschaftlichen Community anerkannt? Überprüfe darüber hinaus das Datum der Veröffentlichung, da je nach Thema Quellen nicht älter als 3-5 Jahre sein sollten.
Ein weiteres Qualitätsmerkmal ist die Zitationshäufigkeit. Über Google Scholar kannst du sehen, wie oft ein Werk zitiert wurde; eine hohe Zitationszahl deutet auf Einfluss und Anerkennung hin. Beachte außerdem den Auftraggeber einer Studie – firmengesponserte Forschung könnte positive Aspekte überbetonen.
Ein- und Ausschlusskriterien festlegen
Für eine nachvollziehbare Literaturauswahl benötigst du klare Kriterien, die du bereits vor Beginn deiner Recherche definieren solltest. Typische Einschlusskriterien sind:
- Veröffentlichungszeitraum (z.B. 2000-2026)
- Sprache (z.B. Deutsch und Englisch)
- Studientyp (z.B. nur empirische Studien)
- Fachspezifische Kriterien (z.B. Setting Krankenpflege)
Ebenso wichtig ist die Definition von Ausschlusskriterien, die ungeeignete Quellen systematisch aussondern. Diese Kriterien helfen dir, aus der Masse an Treffern die wirklich relevanten Quellen herauszufiltern.
Literaturverwaltungsprogramme sind unverzichtbare Helfer bei der Organisation deiner Recherche. Zotero ist ein kostenloses Open-Source-Tool, das auf allen Betriebssystemen läuft und das einfache Sammeln, Organisieren und Zitieren von Quellen ermöglicht.
Bei Citavi kannst du hingegen nicht nur Literatur verwalten, sondern auch Textzitate so organisieren, dass sie direkt mit der Struktur deiner Arbeit verknüpft werden – besonders hilfreich für Geisteswissenschaften. Beide Programme erlauben das Anlegen von Notizen zu deinen Quellen sowie die Vergabe von Tags für eine bessere Organisation.
Beispielhafte Dokumentation einer Recherche
Eine systematische Dokumentation sollte folgende Elemente enthalten:
- Zeitliche Eingrenzung deiner Quellen
- Verwendete Suchbegriffe und ihre Kombinationen
- Genutzte Datenbanken mit Trefferzahlen
- Schrittweise Reduzierung der Treffer mit Ausschlussgründen
Ein typisches Beispiel könnte so aussehen: 350 gefundene Treffer → 200 nach Sichtung der Abstracts → 150 nach Ausschluss unwissenschaftlicher Quellen → 100 nach Ausschluss rein deskriptiver Studien → 70 nach Entfernung doppelter Quellen = 70 Quellen für die Analyse. Diese Dokumentation sollte parallel zur Suche erfolgen und ist unerlässlich für den Methodikteil deiner Bachelorarbeit.